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KI-Halluzinationen in Transkripten: Wie oft sie vorkommen und wie du sie prüfst

Von Thomas Hoiboom · Stand 13.10.2026

Kurz gesagt

Spracherkenner können ganze Sätze schreiben, die niemand gesagt hat. Koenecke et al. fanden 2024 in 1,4 Prozent von 13.140 englischen Audiosegmenten solche Halluzinationen; 38 Prozent davon enthielten Schädliches wie Gewaltdarstellungen oder erfundene Zuordnungen. Sie entstehen vor allem bei Pausen und Stille. Weil die Zusammenfassung eines KI-Diktiergeräts nur den Text sieht, übernimmt sie Erfundenes ungeprüft. Prüfen lässt sich das nur am Audio, gezielt bei Zahlen, Namen, Negationen und Pausen.

Was eine Halluzination im Transkript ist

Ein klassischer Erkennungsfehler ersetzt ein Wort durch ein ähnlich klingendes oder lässt es weg. Eine Halluzination ist etwas anderes: Das Modell schreibt Text, dem im Audio nichts entspricht. Koenecke und Kolleginnen definieren in ihrer Studie für die ACM-Konferenz FAccT 2024 Halluzinationen als „entire hallucinated phrases or sentences which did not exist in any form in the underlying audio“, also ganze Satzteile oder Sätze, die in keiner Form gesprochen wurden.

OpenAI räumt das Phänomen für Whisper in der Model Card selbst ein: Die Vorhersagen „may include texts that are not actually spoken in the audio input (i.e. hallucination)“. Die Ursache liegt in der Architektur, die auf der Seite Wie Spracherkennung funktioniert erklärt ist: Der Decoder ist zugleich ein Sprachmodell. Er hat gelernt, wie plausibler Text weitergeht, und setzt ihn fort, auch wenn das Audio dafür keinen Anhalt bietet.

Drei Fehlermodi laut Whisper-Paper

Das Whisper-Paper beschreibt in Abschnitt 6 zur Transkription langer Aufnahmen, welche Fehler typischerweise auftreten. Sie seien eine Kombination aus Schwächen von Sequence-to-Sequence-Modellen, Sprachmodellen und der Zuordnung von Text zu Audio und umfassten Probleme wie „getting stuck in repeat loops, not transcribing the first or last few words of an audio segment, or complete hallucination where the model will output a transcript entirely unrelated to the actual audio“.

Fehlermodi der Spracherkennung und wie du sie erkennst
FehlermodusWoran du ihn im Transkript erkennstWo du prüfst
Wiederholungsschleife (repeat loop)Derselbe Satz oder dieselbe Phrase steht mehrfach hintereinander, oft ohne VariationDie Stelle im Audio anhören; meist ist dort Stille, Musik oder undeutliche Sprache
Fehlende Anfangs- oder EndwörterSätze beginnen mitten im Gedanken oder enden abrupt; Segmentgrenzen fallen oft mit Pausen zusammenDie ersten und letzten Sekunden jedes Abschnitts gegenhören
Vollständige HalluzinationEin flüssiger, grammatisch korrekter Satz, der nicht zum Kontext passt oder eine Aussage enthält, die niemand getroffen hatJede überraschende Aussage, jede Zahl, jeden Namen am Audio prüfen
Übersetzung statt TranskriptionBei Dialekt oder Mischsprache erscheint Standarddeutsch oder Englisch, obwohl anders gesprochen wurdeDialektpassagen gegenhören; siehe Schweizerdeutsch unten

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Erste drei Zeilen nach Whisper-Paper, Abschnitt 6; vierte Zeile nach Dolev et al. 2024. Die Spalte „Wo du prüfst“ ist eine redaktionelle Empfehlung.

Wie oft es passiert: Koenecke et al. 2024

Die bislang gründlichste empirische Untersuchung stammt von Allison Koenecke und Kolleginnen und wurde im Juni 2024 auf der ACM FAccT in Rio de Janeiro vorgestellt. Die Forschenden ließen Whisper über die OpenAI-Schnittstelle mit Standardeinstellungen (Englisch, Temperature 0) 13.140 Audiosegmente aus der AphasiaBank transkribieren, einer Sammlung von Aufnahmen von 437 englischsprachigen Personen mit und ohne Aphasie, einer Sprachstörung nach Hirnschädigung. Die Läufe fanden im April und Mai 2023 statt, die Validierung im Dezember 2023.

Ergebnisse der Studie „Careless Whisper“ (Koenecke et al. 2024)
MessgrößeWertErläuterung
Anteil Transkripte mit Halluzination1,4 %Von 13.140 Segmenten; der Abstract rundet auf „roughly 1 %“
Halluzinierte Transkripte mit Schadenspotenzial38 %Von 312 halluzinierten Transkripten enthielten 38 % mindestens eine Schadenskategorie
Gewaltdarstellung19 %Anteil an den halluzinierten Transkripten
Falsche Zuordnungen13 %Erfundene Namen, Beziehungen oder Zuschreibungen
Falsche Autorität8 %Etwa erfundene Verweise auf Websites oder Quellen
Halluzinationsrate Aphasie-Gruppe1,7 %Gegenüber 1,2 % in der Kontrollgruppe
Anteil nicht-vokaler Zeit41 % gegenüber 15 %Aphasie- gegenüber Kontrollgruppe; Pausen begünstigen Halluzinationen

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Alle Werte aus Koenecke et al., ACM FAccT ’24 (DOI 10.1145/3630106.3658996), gemessen an englischem Audio mit dem Whisper-Stand von 2023.

Der wichtigste Befund für den Alltag steckt in der letzten Zeile: Halluzinationen treten „disproportionately“ bei Menschen auf, die längere Anteile ohne Sprache produzieren. Wer langsam spricht, nachdenkt, zögert oder zwischen zwei Sätzen Unterlagen sortiert, liefert dem Modell Stille, und in Stille erfindet es am ehesten. Eine Cornell-Pressemitteilung vom Juni 2024 zitiert die Erstautorin mit dem Hinweis, OpenAI habe das Modell seither verbessert; die Zahlen gelten für den Stand 2023 und für Englisch. Vergleichbare deutsche Messungen gibt es nicht.

Deutschsprachiger Befund: Schweizerdeutsch

Für den deutschen Sprachraum liefert die Studie von Dolev, Lutz und Aepli zu Schweizerdeutsch (VarDial 2024) einen Hinweis. Die Forschenden ließen Whisper large-v3 unter anderem simulierte klinische Interviews transkribieren und werteten die Ausgaben qualitativ aus. In 4 von 16 Gesprächen fand sich je ein Satz, der nicht gesprochen worden war. Daneben beobachteten sie Wortersetzungen, weggelassene Modalpartikeln und falsch erkannte Zahlen, Eigennamen und Fachbegriffe. Die Messwerte stehen auf der Seite Deutsch, Dialekt, Fachsprache.

Was das für Protokolle und Arztbriefe bedeutet

Ein Prozent klingt wenig. In einem Besprechungsprotokoll von 60 Minuten mit Dutzenden Redebeiträgen bedeutet die Größenordnung der Koenecke-Studie, dass einzelne halluzinierte Sätze wahrscheinlich sind, nicht nur möglich. Und anders als ein vertauschtes Wort fällt ein halluzinierter Satz nicht auf, denn er ist grammatisch korrekt und klingt plausibel. Genau das macht ihn gefährlich.

Die Gefahr vervielfacht sich durch den zweiten Verarbeitungsschritt. Ein KI-Diktiergerät übergibt das Transkript an ein Sprachmodell, das daraus eine Zusammenfassung erzeugt. Dieses Modell kann nicht wissen, welcher Satz echt ist. Steht im Transkript eine erfundene Zusage, erscheint sie in der Zusammenfassung als Beschluss; steht im Arztdiktat eine erfundene Negation, kehrt sich eine Diagnose um. Wer Meeting-Protokolle oder Arztbriefe aus KI-Transkripten erstellt, trägt die Verantwortung für den Text, nicht das Modell; für Ärztinnen und Anwälte kommen die Pflichten aus dem Berufsgeheimnis hinzu.

Prüfroutine für KI-Transkripte

Eine vollständige Korrektur jedes Transkripts gegen das Audio ist aufwendig; noScribe schreibt in seiner Dokumentation, dass „review and correction are always necessary“. Wo die Zeit dafür fehlt, hilft eine gezielte Routine, die dort ansetzt, wo die Fehlermodi der Forschung liegen.

  1. Stille und Pausen anhören. Suche im Transkript nach Stellen, an denen das Audio Pausen, Husten, Papierrascheln oder Musik enthält. Dort entstehen laut Koenecke et al. die meisten Halluzinationen.
  2. Zahlen, Namen, Daten prüfen. Jede Zahl, jeder Eigenname, jedes Datum und jede Dosierung wird am Audio gegengehört. Dolev et al. nennen genau diese Kategorien als typische Fehlerstellen.
  3. Negationen und Modalwörter prüfen. „nicht“, „kein“, „nie“ sowie „sollte“, „könnte“, „muss“ verändern den Sinn eines Satzes vollständig und sind kurz. Fehlt eines, kehrt sich die Aussage um.
  4. Wiederholungen suchen. Mehrfach identische Sätze sind ein Hinweis auf eine Wiederholungsschleife; die Passage dazwischen fehlt dann oft.
  5. Anfang und Ende jedes Abschnitts prüfen. Das Whisper-Paper nennt fehlende erste und letzte Wörter eines Segments als eigenen Fehlermodus.
  6. Zusammenfassung gegen Transkript lesen, nicht gegen Erinnerung. Jede Aussage der Zusammenfassung muss sich im Transkript wiederfinden, und das Transkript muss sich im Audio wiederfinden. Nur diese Kette trägt.

Apps mit Editor, der Audio und Text synchron zeigt, erleichtern diese Arbeit; noScribe und MacWhisper bieten einen solchen Abgleich laut ihren Projektseiten, und die Geräte-Apps von PLAUD und anderen verknüpfen Transkriptzeilen mit Zeitmarken. Welche App das kann, steht im Vergleich der Transkriptionssoftware.

Häufige Fragen

Wie häufig halluzinieren KI-Transkripte?

In der Studie von Koenecke et al. 2024 enthielten 1,4 Prozent von 13.140 englischen Audiosegmenten mindestens eine Halluzination; bei Sprechenden mit Aphasie waren es 1,7 Prozent. Die Werte gelten für Whisper im Stand 2023. Für Deutsch existiert keine vergleichbare Messung, nur die Beobachtung von Dolev et al., dass in 4 von 16 Schweizerdeutsch-Gesprächen je ein nicht gesprochener Satz auftauchte.

Warum erfindet ein Spracherkenner überhaupt Text?

Weil der Decoder moderner Modelle zugleich ein Sprachmodell ist, das gelernt hat, wie Text weitergeht. Fehlt im Audio ein klares Signal, etwa bei Stille, Musik oder Rauschen, setzt es den wahrscheinlichsten Text fort. OpenAI benennt das in der Model Card als bekannte Grenze von Whisper.

Sind halluzinierte Sätze harmlos?

Nicht zwingend. Von 312 halluzinierten Transkripten in der Koenecke-Studie enthielten 38 Prozent mindestens eine Schadenskategorie: 19 Prozent Gewaltdarstellungen, 13 Prozent falsche Zuordnungen, 8 Prozent erfundene Autoritätsverweise. In einem Protokoll oder Arztbrief kann ein einziger solcher Satz Folgen haben.

Erkennt die KI-Zusammenfassung eine Halluzination?

Nein. Das Sprachmodell, das die Zusammenfassung erzeugt, sieht nur den Text des Transkripts, nicht das Audio. Es behandelt jeden Satz als gesagt. Eine erfundene Zusage wird so zum Beschluss in der Zusammenfassung; prüfen lässt sich das nur, indem du Transkript und Audio vergleichst.

Welche Stellen eines Transkripts sollte ich zuerst prüfen?

Pausen und Stille, weil dort laut Koenecke et al. die meisten Halluzinationen entstehen; Zahlen, Namen und Fachbegriffe, die Dolev et al. als typische Fehlerstellen nennen; Negationen und Modalwörter, die den Sinn umkehren; sowie Anfang und Ende jedes Abschnitts, weil das Whisper-Paper dort fehlende Wörter als eigenen Fehlermodus beschreibt.

Quellen

  1. Koenecke, Choi, Mei, Schellmann, Sloane: „Careless Whisper: Speech-to-Text Hallucination Harms“, ACM FAccT ’24, DOI 10.1145/3630106.3658996 — Preprint arXiv:2402.08021 (v2, Mai 2024)
  2. Koenecke et al.: Preprint auf arXiv (2402.08021v2)
  3. Radford, Kim, Xu, Brockman, McLeavey, Sutskever (OpenAI): „Robust Speech Recognition via Large-Scale Weak Supervision“, arXiv:2212.04356 (2022) — Abschnitte 2.2, 3.2, 3.3 und 6; Appendix D.2 (Tabellen 10–13)
  4. OpenAI: Whisper Model Card (GitHub, openai/whisper, Datei model-card.md) — Herstellerdokumentation, Abruf 13.10.2026
  5. Dolev, Lutz, Aepli: „Does Whisper understand Swiss German? An automatic, qualitative, and human evaluation“, VarDial 2024, arXiv:2404.19310
  6. noScribe: Projektdokumentation (github.com/kaixxx/noScribe) — Anbieterangabe, Abruf 13.10.2026

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